Die Krise der Kindheit stellt das planetare Bewusstsein in Frage, auch wenn diese Krise in den Medien nicht breit sichtbar wird. Ein von fünf Minderjährigen auf allen Kontinenten leidet an extremer Armut, und die Tendenz ist systematische Verschlechterung.
Sergio Ferrari
In Ländern mit geringeren Ressourcen leben derzeit mehr als 412 Millionen Mädchen und Jungen mit weniger als 3 US‑Dollar pro Tag. Wie jedoch der vor wenigen Wochen von UNICEF veröffentlichte Bericht zur Lage der Kindheit in globaler Perspektive feststellt, „beschränkt sich Kinderarmut nicht auf die ärmsten Regionen der Welt“. Tatsächlich betrifft sie auch Länder mit mittleren und hohen Einkommen. Dem Bericht zufolge würde, wenn in Letzteren eine realistischere Armutsgrenze angewendet würde – zum Beispiel 8,30 US‑Dollar pro Tag statt 3 – die Anzahl der Kinder in „monetärer Armut“ weltweit auf etwa zwei von drei steigen, also rund 1,4 Milliarden.
„In einer Zeit, in der die Militärausgaben die exorbitante Summe von 2.718 Milliarden US‑Dollar erreicht haben“, betonen die Autor*innen der UNICEF‑Studie, „fehlen Hunderten von Millionen von Kindern nach wie vor so grundlegende Güter wie Bildung, sauberes Wasser und angemessener Wohnraum“.

Die Verschuldung und ihre tödlichen Auswirkungen auf die Kindheit
Viele Entwicklungsländer stehen vor einer komplexen wirtschaftlichen Lage, deren Ergebnis fast immer eine Verschlechterung des Wachstums ist, was sich direkt auf Armutsbekämpfungsprogramme und öffentliche Dienstleistungen für Kinder auswirkt. Diese Verschlechterung wird durch substanzielle Kürzungen der Entwicklungszusammenarbeit verstärkt. Bis zum Jahr 2030 könnte diese fatale Kombination den Tod von etwa 4,5 Millionen Kindern unter fünf Jahren zur Folge haben.
Die für Bildung vorgesehenen Finanzierungsmöglichkeiten im Jahr 2026 werden um 25 % geringer ausfallen als 2025, was zweifellos eine Gefahr der unmittelbaren Schulbeteiligungsmöglichkeiten für sechs Millionen Kinder darstellt. Diese Realität wird zusätzlich durch die direkten Auswirkungen der externen Verschuldung verschärft. In der Tat geben fünfundvierzig Entwicklungsländer mehr Mittel für Zinszahlungen ihrer Auslandschulden aus als für ihre Gesundheitsbudgets.
„Die aktualisierten Zahlen zur Lage der Kindheit sind so dramatisch wie alarmierend“, sagt der Theologe Beat Wehrle, Schweizer Experte für Kinderrechte und Mitglied der Leitung der NGO Terre des Hommes Deutschland, einer der dynamischsten Organisationen im Bereich der Kinderrechte. Wehrle argumentiert jedoch, dass diese Zahlen nicht unschuldig seien; im Gegenteil, „sie spiegeln den systematischen neoliberalen Angriff auf die öffentliche Politik wider“. Mit langer Erfahrung in Projektarbeit in verschiedenen Ländern Lateinamerikas erklärt Wehrle, dass dieser neoliberale Angriff „sich in einem signifikanten Anstieg des Verschuldungsniveaus nicht nur auf staatlicher Ebene, sondern auch in den Haushaltsökonomien der Familien“ manifestiere. Und mit dramatischen Folgen, da die neoliberale Logik das Angebot öffentlicher Bildungs‑ und Gesundheitspolitiken reduziert. Diese Reduktion, so betont Wehrle, werde zudem „durch den nicht zu rechtfertigenden Rückgang der Mittel für internationale Zusammenarbeit verschärft, dessen deutlichstes Beispiel die vollständige Desintegration der amerikanischen Organisation für Entwicklungszusammenarbeit und Humanitäre Hilfe – USAID Anfang 2025 darstellt“. Er hebt hervor, dass derselbe Trend auch in den meisten europäischen Ländern zu beobachten sei, wenn man die Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe des Alten Kontinents analysiert.
Die dramatischen Folgen dieser Kürzungen, die sich bereits 2025 mit solcher Wucht zeigten, werden sich im kommenden UNICEF‑Bericht 2026 widerspiegeln. „Es ist sicher, dass sich die bereits dramatische globale Lage der Kindheit weiter verschärfen wird“, schließt Wehrle.

Ausgegrenzte Minderjährige
Die höchsten Armutsraten für Kinder weltweit werden bei Kleinkindern verzeichnet. Im Jahr 2024 lebten 22,3 % der Kinder unter vier Jahren in extremer monetärer Armut, fast doppelt so viel wie der Anteil der Jugendlichen zwischen fünfzehn und siebzehn Jahren.
Neben den Auswirkungen der Verschuldung und der Verzerrung nationaler Politiken sind noch andere nicht weniger kritische Faktoren zu berücksichtigen. Z.B. der Bildungsstand derjenigen, die für ihre Familien verantwortlich sind. In Haushalten, in denen die verantwortlichen Bezugspersonen keinen Zugang zur Grundschule erhalten haben, liegt die Extremarmutsquote bei 32,9 %. In Familien, in denen die verantwortliche Bezugsperson der Familie eine höhere Berufsbildung abgeschlossen hat, liegt diese Quote bei 5,8 %.
Bedeutsam ist, dass etwa 79 % der Kinder in extremer Armut in ländlichen Gebieten leben. Dennoch ist in städtischen Gebieten das Armutsniveau in informellen Siedlungen und Slums ebenso deutlich über dem Durchschnitt.
Kinder mit Behinderungen haben viel höhere Wahrscheinlichkeiten, in Armut zu leben, da die Gesundheitskosten für ihre Familien wesentlich höher sind. Außerdem verhindert die Pflege dieser Kinder häufig, dass ihre Eltern oder Betreuungspersonen außerhalb des Hauses arbeiten können.
Geflüchtete oder vertriebene Kinder, deren Zahlen oft unterschätzt werden, sind einem viel grösseren Risiko ausgesetzt, in Armut zu leben – nicht nur im Moment der Flucht, sondern auch nachdem sie eine neue Bleibe gefunden haben. Studien aus Kolumbien, dem Libanon und Uganda weisen auf hohe Armutsraten unter vertriebenen Bevölkerungsgruppen hin.
Auch indigene Kinder weisen deutlich höhere Armutsraten auf. In den dreiundzwanzig Ländern, die das Übereinkommen über indigene und in Stämmen lebenden Völker ratifiziert haben, lebten 2024 18,7 % dieser Gemeinschaften in extremer monetärer Armut, verglichen mit 9,3 % der Gesamtbevölkerung.
Nicht weniger bedeutsam ist die Auswirkung von Kriegen und anderen Konfliktsituationen. Die Hälfte der Kinder in Konflikt‑ und fragilen Kontexten lebt in extremer Armut. In nicht betroffenen Kontexten sind es 11,4 %.

Kriege als verschärfender Faktor
Weltweit ist ein außergewöhnlicher Anstieg bewaffneter Konflikte zu verzeichnen: 2024 und 2025 wurde die höchste Zahl an Ländern registriert, die seit dem Zweiten Weltkrieg in bewaffnete Konflikte verwickelt sind. 2024 lebten etwa 19 % der Kinder in Konfliktgebieten, ein Anteil, der den der Mitte der 1990er‑Jahre praktisch verdoppelt. 2024 identifizierten die Vereinten Nationen 41.370 Fälle schwerer Verletzungen gegen Kinder in Konfliktgebieten, ein Anstieg von 25 % gegenüber 2023. Die Verweigerung des Zugangs humanitärer Hilfe setzt Kinder einem hohen Risiko von Misshandlung, Ausbeutung, Krankheiten und Hunger aus.
Zwischen 2014 und 2024 stieg die Rate extremer monetärer Armut in fragilen und konfliktbetroffenen Kontexten von 46 % auf 50,2 %; außerhalb dieser konfliktbetroffenen Gebiete sank die Rate von 19,9 % auf 11,4 %. Mit anderen Worten: die Hälfte der Kinder in Konfliktgebieten, kaum eines von neun in konfliktfreien Zonen.
Konflikte erzeugen Armut, weil sie die wirtschaftliche Stabilität untergraben, die Infrastruktur zerstören und die öffentlichen Dienste wie Wasser, Bildung und Energieversorgung unterbrechen. Unterbrechungen im Bildungswesen gefährden das Recht der Kinder zu lernen und sich zu entfalten und untergraben folglich sowohl individuelles Potenzial als auch gemeinschaftlichen Wohlfahrt.
Wehrle zufolge offenbaren die von UNICEF analysierten Daten zwei besonders besorgniserregende Realitäten. Einerseits die Reduktion öffentlicher Investitionen in die frühe Kindheit und andererseits der signifikante Anstieg der Zahl von Kindern, die bewaffneten Konflikten und Gewalt ausgesetzt sind. Die Zusammenführung dieser beiden Faktoren, so argumentiert Wehrle, macht die Kindheit zur am Stärksten betroffenen Opfergruppe des irrationalen Handelns Erwachsener.

Kinder und Jugendliche als Akteure des Wandels
Obwohl die UNICEF‑Studie ein recht klares Bild der dramatischen Realität der Kindheit liefert, weist Wehrle darauf hin, dass „es auffällt, dass es weiterhin ein Bericht über die Kindheit ist“, da die Frage der Beteiligung von Kindern und Jugendlichen im Dokument nur marginal auftaucht. Auf diese Weise entstünden sowohl die Produktion dieser dramatischen Realität als auch die Reflexion darüber ausschließlich in der Hand der Erwachsenen. Ohne Zweifel ein bedauerlicher Umstand, denn, so der Schweizer Experte, sind Kinder mehr oder sollten sie mehr sein als Opfer: Sie müssen auch als Rechtssubjekte und Akteure des Wandels betrachtet werden. Das Fehlen einer direkten Perspektive und konkreten Beteiligung der Kinder bei der Definition von Prioritäten in der öffentlichen Politik ist etwas, das dringend hinterfragt und überwunden werden muss.
Wenn die Einschränkung der Beteiligung der Zivilgesellschaft bereits weltweit gravierend ist, so stellt Wehrle fest, „dass das Fehlen der Stimmen und des Handelns von Kindern und Jugendlichen einen noch schwerwiegenderen Fehler darstellt“. Daher besteht seine Forderung: „Nichts über die Kindheit ohne direkte Beteiligung der Kinder und Jugendlichen“. Trotz des heute schwierigen, komplexen und wenig hoffnungsvollen globalen Bildes der Kindheit gibt es laut Wehrle zahlreiche positive Erfahrungen der Durchsetzung der Rechte von Kindern und Jugendlichen sowohl auf lokaler Ebene als auch weltweit. Diese Erfahrungen, schließt er, müssten bedeutsamer miteinander verknüpft werden, damit sie zu einer nicht weiter überhörbaren Stimme werden.
Text: Sergio Ferrari – Übersetzung: Beat Wehrle
Links zum Orginaltext:
https://lecourrier.ch/2026/01/25/la-dette-des-adultes-envers-lenfance/
https://www.brasil247.com/blog/divida-adulta-com-a-infancia
https://www.resumenlatinoamericano.org/2026/01/19/pensamiento-critico-la-deuda-adulta-con-la-infancia/