Dieser Bericht über die Projektarbeit von Novo Movimento in Brasilien ist etwas anders als gewohnt. Normalerweise öffnen wir damit ein Fenster nach Brasilien und lassen Menschen aus den Favelas und den sozialen Bewegungen von São Paulo und anderen Regionen des Landes zu Wort kommen. Diesmal erzählen wir selbst: Marcia, meine Frau, Lehrerin und Sozialarbeiterin, unsere zwölfjährige Tochter Luana und ich, Beat.

Meine Arbeit als Leiter des internationalen Programms von Terre des Hommes Deutschland ist abgeschlossen. Unser Zuhause im hohen Norden Deutschlands, in der Nähe von Osnabrück, ist geräumt. Wir sind bereit für den nächsten grossen Schritt: Wir kehren nach Brasilien zurück. Für uns alle ist es eine Art Heimreise. Vieles ist uns dort vertraut, doch es erwarten uns auch grosse Herausforderungen – gerade jetzt nach den Wahlen im Oktober. Präsident Lula konnte gerade noch in letzter Minute gewinnen und eine weitere Legislaturperiode für die Stärkung der Demokratie sichern. Mit einer breiten und beeindruckenden Welle der Volksbeteiligung wurde der rechtsextreme Bolsonaro Sohn weggeschwemmt, und Lula hat deutlich gemacht, wie wichtig seine Rolle als einende und charismatische Figur auch dieses Jahr war. Der rechtsextreme Vormarsch ist gestoppt, die imperialistischen Trump Allüren ausgebremst. Jetzt geht es darum, die demokratischen Fundamente in der brasilianischen Gesellschaft zu festigen. Denn im Kongress hat die extreme Rechte eine klare Mehrheit. Es warten herausfordernde Jahre auf uns und wir zählen auf die Widerstandskraft der brasilianischen Zivilgesellschaft mit ihren unzähligen Organisationen und Bewegungen. Sie wollen wir stärken.

Warum wir nach São Paulo zurückkehren, wo wir in den kommenden Jahren arbeiten werden und welche Gefühle uns bei diesem grossen Sprung begleiten, möchten wir im folgenden Text sammeln und mit euch teilen. Getreu dem Namen unseres Vereins – Novo Movimento bedeutet «Neue Bewegung» – wollen wir weiterhin Brücken zwischen Brasilien und der Schweiz bauen. Auch Novo Movimento ist ein Teil unserer Heimat. Dank der freundschaftlichen Nähe und eurer solidarischen Verbundenheit konnten in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Projekte verwirklicht werden. Aus Perspektiven der Hoffnung und der Veränderung wurde konkrete Realität.

Kinder und Jugendliche haben gelernt, an sich selbst zu glauben. Sie haben erfahren, dass die Welt nicht einfach so bleiben muss, wie sie ist. Was durch Menschen geschaffen wurde, können Menschen auch verändern. Auch wenn vieles schwierig und kaum überwindbar erscheint, auch wenn unsere gemeinsamen Kräfte manchmal klein wirken: Veränderung ist möglich! Die Erfahrungen aus den Projekten von Novo Movimento haben uns das immer wieder eindrücklich gezeigt. An dieser Überzeugung wollen wir festhalten und unsere gemeinsame Arbeit vertiefen.

Wir freuen uns auf die Rückkehr nach Brasilien und sind gleichzeitig dankbar, mit euch in Verbindung zu bleiben. Wir danken euch allen für eure langjährige Begleitung und Unterstützung und freuen uns darauf, euch bald wieder direkt aus Brasilien berichten zu können! Mit unserer herzlichen Umarmung!

Marcia, Luana und Beat (tuto)

Favela Anchieta, Bezirk Grajaú, São Paulo, Brasilien.

Marcia: Ich bin in São Paulo geboren und aufgewachsen. Meine Verbindung zu Brasilien ist deshalb ganz selbstverständlich und klar. Bei dir, Beat, ist das etwas anders. Wie hat deine Beziehung zu Brasilien begonnen?

Beat: Schon in meiner Kindheit hatte Brasilien einen besonderen Platz in meiner internationalen Briefmarkensammlung. Die Marken beeindruckten mich, weil sie wegen der hohen Inflation oft riesige Zahlen trugen. Und bei den Fussball-Weltmeisterschaften drückte ich immer Brasilien die Daumen. Meine eigentliche Verbindung zu diesem Land entstand aber erst während meines Theologiestudiums. Die ersten beiden Studienjahre verbrachte ich an der Theologischen Hochschule in Chur. Damals war es üblich, das dritte Studienjahr im Ausland zu absolvieren. Ich wollte weder nach Rom noch nach Tübingen. Mein Wunschziel war Peru. Dort hatte Gustavo Gutiérrez einige Jahre zuvor sein wegweisendes Buch «Theologie der Befreiung» veröffentlicht.

Doch es ergab sich kein passender Kontakt nach Peru. Stattdessen erhielt ich dank Pater Reginald Kessler und den Dominikanern eine Einladung an eine theologische Fakultät im Landesinnern Brasiliens. «Ja, dann halt Brasilien», dachte ich und machte mich auf eine Reise, die mein Leben bis heute prägt. An dieser Fakultät wurde zwar Theologie gelehrt, doch die Befreiungstheologie spielte kaum eine Rolle. Ich hatte grosses Glück, während meines Portugiesischkurses dem bekannten Befreiungstheologen Leonardo Boff zu begegnen. Er verstand meine Enttäuschung und gab mir die Adresse eines Franziskaners, der in einer Favela in São Paulo lebte. Es war Ende 1985. In jenem Jahr hatte die brasilianische Militärdiktatur die Macht an eine zivile Regierung übergeben. Doch mit dem Ende der Diktatur verschwanden die alten Machtstrukturen nicht. Bis heute sind sie in vielen Institutionen und besonders im Denken der herrschenden Elite tief verankert. Damals gab es weder WhatsApp noch E-Mail. Ich hatte nur eine Adresse in der Hand, die mir völlig unbekannt war. Noch heute erinnere ich mich genau, wie ich allein in der riesigen Stadt São Paulo die Favela do Autódromo suchte: gleich neben der Formel-1-Rennstrecke von Interlagos im Süden von São Paulo. Nach langem Suchen fand ich schliesslich das kleine Haus in einer engen Gasse. Ich klopfte an und wurde von einer Gemeinschaft sozial engagierter Menschen mit offenen Armen empfangen. «Komm herein! Natürlich kannst du bei uns bleiben!» Und schon gehörte ich zum Team und half bei der Arbeit in den Favelas der Umgebung mit. Ich hatte nicht nur den Kontakt gefunden, den Leonardo Boff mir gegeben hatte. Ich hatte einen Ort entdeckt, der meinem Leben Sinn und Richtung gab.

Das Autodrom von Interlagos, Südzone von São Paulo, Brasilien

In der Favela erlebte ich jene Befreiung, die mir an der theologischen Fakultät gefehlt hatte. Ich tauchte in die soziale Projektarbeit ein und lernte bald auch die sozialen Bewegungen kennen. Dort schliessen sich Menschen zusammen, um gemeinsam für ihre Rechte zu kämpfen. Zunächst engagierte ich mich in der Favela-Bewegung. Familien organisierten sich, um bessere Lebensbedingungen zu erreichen. Nach zwei Jahrzehnten Militärdiktatur hatte in Brasilien die sogenannte «Neue Republik» begonnen. Schritt für Schritt sollte eine demokratischere Gesellschaft entstehen. Doch die staatlichen Institutionen waren oft mit sich selbst beschäftigt. Für die Bedürfnisse der Menschen in den Favelas hatten sie kaum ein offenes Ohr. «Wenn sie uns nicht sehen, dann machen wir uns eben sichtbar!» Dieser Gedanke prägt die sozialen Bewegungen Brasiliens. Sie wurden zu meiner eigentlichen Lebensschule. Später schloss ich mein Theologiestudium ab und erwarb einige Jahre danach einen Master in Sozialarbeit mit Schwerpunkt auf sozialen Bewegungen.

Aus unserer Arbeit in den Favelas von Interlagos entstand Ende der Achtzigerjahre das Kinderrechtszentrum Interlagos. In der Anfangszeit waren wir eine kleine Gruppe. Wir wollten Menschen und Organisationen zusammenbringen, die sich für die Rechte von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien einsetzten. Heute ist das Kinderrechtszentrum CEDECA Interlagos eine anerkannte lokale Organisation mit über siebzig Mitarbeitenden, die sich in zahlreichen Projekten und Initiativen engagieren. Wir haben rasch gelernt, dass nachhaltige Veränderungen nur möglich sind, wenn viele Menschen und Gruppen zusammenarbeiten. Ein gutes Projekt ist wichtig. Doch wenn es für sich allein bleibt, besteht die Gefahr, dass es zu einer kleinen, isolierten Insel wird. Eine zentrale Frage hat mich deshalb während meiner ganzen beruflichen Laufbahn begleitet: Wie können wir einzelne Projekte so miteinander verbinden, dass daraus eine starke gemeinsame Bewegung entsteht? Und wie stellen wir sicher, dass die betroffenen Menschen ihre Zukunft selbst gestalten und die Arbeit gemeinsam bestimmen? Auf diese Frage haben wir im Laufe der Jahre hoffnungsvolle Antworten gefunden.

Zunächst arbeitete ich mit E-CHANGER als Fachperson in den Favelas von São Paulo. Später übernahm ich die Koordination des Brasilienprogramms und schliesslich die Leitung der Organisation in der Schweiz. Ab 2012 war ich für Terre des Hommes Deutschland tätig: zuerst als Koordinator der Projekte in São Paulo, danach als Verantwortlicher für die Programmarbeit in Lateinamerika mit Sitz in Bogotá, Kolumbien, und zuletzt als Leiter des internationalen Programms in Deutschland. Und nun schliesst sich der Kreis. Mit E-CHANGER kehren wir nach Brasilien zurück. Ich freue mich sehr darauf, nach vielen Jahren in Leitungsfunktionen wieder direkt in der Projektarbeit tätig zu sein. Wir kehren an den Ort zurück, der uns als Menschen und als Familie geprägt hat. Nun habe ich lange erzählt, wie Brasilien mir den Weg zur internationalen Solidaritätsarbeit geöffnet hat. Aber noch spannender ist deine persönliche Geschichte, Marcia.

Favelas am Rand der Stadt São Paulo

Marcia: Ich staune immer wieder darüber, wie wir uns aus so unterschiedlichen Richtungen kommend im Süden von São Paulo begegnet sind. Ein Zufall war das für mich sicher nicht.

Ich wurde am Rand dieser riesigen Stadt geboren und verbrachte dort meine Kindheit und Jugend. Mein Vater arbeitete sein Leben lang als Metallarbeiter. Trotz der Unterdrückung durch die Militärdiktatur engagierte er sich stark in den kirchlichen Basisgemeinden. Das waren Gemeinschaften, in denen sich Menschen trafen, um über ihren Glauben, ihren Alltag und gesellschaftliche Fragen zu sprechen. Während der Diktatur gehörten sie zu den wenigen Orten, an denen solche Treffen möglich waren. Gewerkschaftliche Arbeit war in den Fabriken verboten. Deshalb fanden viele Treffen unter dem Schutz der Kirche statt. Dieses Engagement hätte meinen Vater beinahe das Leben gekostet. Nur durch einen glücklichen Zufall entkam er den Folterkammern der Militärdiktatur. Trotzdem hörte er nie auf, sich in sozialen Bewegungen zu engagieren.

Auch meine Mutter war sehr engagiert. Sie konnte zwar lesen und schreiben, hatte aber keinen Schulabschluss. Das hielt sie nicht davon ab, Erwachsenen das Lesen und Schreiben beizubringen. Schon als Kind nahm ich an vielen Versammlungen und Protesten für bessere Gesundheitsversorgung und Bildung teil. Besonders lebendig ist meine Erinnerung an die Arbeit meiner Mutter. Ich durfte sie oft begleiten und erlebte die Freude der Erwachsenen, wenn sie zum ersten Mal Wörter und später ganze Sätze entziffern konnten. Dabei ging es nie nur um das ABC. Wer lesen lernte, sollte auch die eigene Lebenssituation und die Welt besser verstehen und kritisch hinterfragen können. Diese Erlebnisse weckten in mir den Wunsch, Lehrerin zu werden. Nach meiner Ausbildung erhielt ich eine Stelle an einer städtischen Grundschule. Doch ich wollte mehr. Der Unterricht war mir wichtig, aber ich spürte, dass Veränderungen über das Klassenzimmer hinausgehen müssen. Deshalb beschloss ich, Sozialarbeit zu studieren. Dafür setzte ich meinen gesamten Lohn ein.

Weil ich immer öffentliche Schulen besucht hatte, war der Zugang zu einer staatlichen Universität für mich sehr schwierig. Das ist einer der grossen Widersprüche Brasiliens: Wer sich eine teure Privatschule leisten kann, hat oft bessere Chancen auf einen Platz an einer öffentlichen Universität. Wer dagegen auf staatliche Schulen angewiesen ist, muss häufig an einer kostenpflichtigen Privatuniversität studieren. Diese ist oft teurer und qualitativ schlechter.

Ich erkämpfte mir einen Studienplatz an einer privaten Universität und bezahlte das Studium mit meinem Gehalt als Lehrerin. Tagsüber arbeitete ich, abends studierte ich. Das war hart und sehr anstrengend, aber es hat sich gelohnt. Unter der Regierung von Präsident Lula hat sich inzwischen einiges verändert. Der Zugang zu staatlichen Universitäten bleibt schwierig, doch sie sind nicht mehr nur einer kleinen, elitären Gruppe vorbehalten. Auch das Bewusstsein, dass Bildung ein Recht für alle ist, hat sich deutlich verstärkt. Nach meinem Abschluss in Sozialarbeit begann ich ein Masterstudium in Psychopädagogik. Ich wollte besser verstehen, wie soziale Ausgrenzung bei Kindern zu Lernschwierigkeiten führen kann. Mich beschäftigte die Frage, wie wir den Kreislauf der Armut durchbrechen können und wie Bildung Kindern und Jugendlichen neue Wege eröffnet.

Später arbeitete ich mit Jugendlichen, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren. Gemeinsam suchten wir nach Möglichkeiten, wie sie trotz ihrer oft von Gewalt geprägten Lebensumstände eine andere Zukunft aufbauen konnten. Auch in Schulen war ich immer wieder tätig. Besonders geprägt hat mich die Zusammenarbeit mit Familien, die vom staatlichen Sozialhilfeprogramm ‚Bolsa Família’ unterstützt werden. Schon ein kleiner finanzieller Beitrag kann erstaunlich viel bewirken und Menschen helfen, ihr Leben autonomer zu gestalten. In der Schweiz und in Deutschland konnte ich meine Erfahrungen nutzen, um Migrantinnen zu begleiten, die ebenfalls um ein selbstbestimmtes Leben in Würde kämpfen. Meine beruflichen Möglichkeiten blieben dort allerdings begrenzt. Deshalb freue ich mich sehr darauf, nach Brasilien zurückzukehren und meine Fähigkeiten wieder voll einsetzen zu können. Die vielen persönlichen und beruflichen Erfahrungen, die ich in Brasilien, Kolumbien, der Schweiz und Deutschland gesammelt habe, geben mir viel Kraft und Motivation für diesen Neubeginn.

Favela in der Südzone von São Paulo, Brasilien.

Beat: Jetzt kehren wir also nach Brasilien zurück und bleiben doch eng mit der Schweiz verbunden.

Marcia: Ja, genau. Wir werden uns weiterhin in sozialen Projekten engagieren, die dank der Unterstützung aus der Schweiz möglich werden. So bauen wir Brücken zwischen Ländern, Kulturen und Menschen, die sich ohne diese Verbindungen vielleicht nie begegnet wären. Ich glaube fest an die Kraft eines echten Dialogs. Im gegenseitigen Austausch erkennen wir, wie eng die Lebenswirklichkeiten in Brasilien und der Schweiz miteinander verbunden sind. Wir leben nicht auf voneinander getrennten Inseln. Was an einem Ort geschieht, hat oft Auswirkungen auf Menschen anderswo. Die Beziehungen zwischen den Ländern sind heute leider häufig von Ungleichheit, Macht und Gewalt geprägt. Doch das muss nicht so bleiben. Es gibt unzählige Menschen, deren Stimmen kaum gehört oder zum Schweigen gebracht werden und die sich dennoch für die Gleichwertigkeit aller einsetzen. Ich möchte dazu beitragen, dass diese Menschen sichtbarer werden und ihr Kampf um ein Leben in Würde wahrgenommen wird.

Beat: Gemeinsam mit unseren Partnerorganisationen in Brasilien setzen wir Projekte um und berichten in der Schweiz über die Lebensbedingungen und das Engagement der Menschen vor Ort. Gleichzeitig bringen ihre Hoffnung, ihre Ideen und ihre Entschlossenheit auch neue Kraft und Zuversicht zu den Menschen in der Schweiz.

Marcia: Früher sprach man oft von Entwicklungshilfe. Ich finde diesen Begriff unpassend. Heute ist Entwicklungszusammenarbeit geläufiger. Doch auch dahinter steckt häufig noch ein ungleiches Verhältnis zwischen Gebenden und Empfangenden. Die Art von Zusammenarbeit, an die ich glaube, kennt keine Rangordnung des Wissens. Jeder Mensch verfügt über eigene Erfahrungen und Kenntnisse. Diese ergänzen sich, und wir alle können voneinander lernen. Als Lehrerin habe ich das unzählige Male erlebt. Es gibt nicht einfach jene, die alles wissen, und auf der anderen Seite diejenigen, die nichts wissen. Lehren und Lernen gehören zusammen. Beides bedeutet, gleichzeitig zu geben und zu empfangen. Wir kehren also ganz sicher nicht nach São Paulo zurück, um den Menschen dort zu erklären, wie sie leben sollen. Ganz im Gegenteil! Wir wollen gemeinsam mit ihnen lernen, Erfahrungen teilen und neue Wege finden. Unser Ziel ist ein Leben in Würde und Gerechtigkeit für alle. Echte Solidarität bedeutet, dass sich auf beiden Seiten etwas verändert.

Beat: Gerade heute, wo wir weltweit mit so vielen Krisen konfrontiert sind – vom Klimawandel bis zur Migration –, beobachten wir eine zunehmende Abschottung. Viele Menschen sind verunsichert und haben Angst, etwas zu verlieren. Sie hoffen, sich durch stärkere Grenzen und höhere Mauern schützen zu können. Doch unsere Erde ist wie ein kleines Luftschiff im Weltall. Oder wie ein Flugzeug, das nur als Ganzes in der Luft bleiben kann. Es gibt keine Rettung nur für die erste Klasse! Wir brauchen einander. Unsere Zukunft hängt davon ab, ob es uns gelingt, sie gemeinsam zu gestalten. Aber lass uns konkreter werden. Erzähl doch, in welchem Projekt du in den kommenden Jahren arbeiten wirst.

Weiterbildung im Kinderrechtszentrum Interlagos (CEDECA Interlagos) mit dem Befreiungstheologen Frei Betto.

Marcia: Nach unserer Rückkehr Ende Jahr werde ich im Kinderrechtszentrum Interlagos tätig sein. Es ist ein Ort, an dem Kinder und Jugendliche zusammenkommen, sich austauschen und Gemeinschaft erleben können. Doch nicht die Einrichtung selbst steht im Mittelpunkt, sondern die jungen Menschen. Sie finden dort einen geschützten Raum, entdecken ihre gemeinsamen Interessen und lernen, sich für ihre Rechte einzusetzen. Die Arbeit findet dort statt, wo die Kinder leben: in den Favelas am Rand der Stadt. Dabei geht es immer um zwei Dinge: die persönliche Entwicklung jedes einzelnen Kindes und das gemeinsame Leben in der Gemeinschaft. Das afrikanische Wort «Ubuntu» bringt diesen Gedanken wunderschön zum Ausdruck: «Ich bin, weil wir sind.» Ich werde das Team der Zirkusschule unterstützen. Es handelt sich um einen richtigen Zirkus mit Zelt, Manege und allem, was dazugehört. Die Zirkusschule liegt ganz im Süden von São Paulo, im Stadtbezirk Grajaú. Dort leben über eine halbe Million Menschen, viele von ihnen in Favelas und armen Wohnvierteln mit schwierigen Lebensbedingungen. Die Zirkusschule bietet Kindern und Jugendlichen vielfältige Möglichkeiten, sich kreativ auszudrücken: Akrobatik, Graffiti, Tanz, Theater, Sport, Trommeln und vieles mehr. Sie entscheiden selbst, an welchen Angeboten sie teilnehmen möchten.

Viele von ihnen wachsen in einem Umfeld auf, das von Gewalt geprägt ist. Sie erleben soziale Ungleichheit, Polizeigewalt oder Gewalt in der eigenen Familie. Im Zirkus finden sie eine offene Tür und einen geschützten Ort. Hier können sie schmerzhafte Erfahrungen aus ihrer Kindheit und Jugend verarbeiten, neue Fähigkeiten entdecken und wieder Vertrauen in sich selbst und andere gewinnen. Sie erleben, was es bedeutet, Teil einer Gemeinschaft zu sein, in der die Menschen einander achten und füreinander sorgen. Ich werde meine Kenntnisse und Erfahrungen in das Team einbringen und die Mitarbeitenden in ihrer Arbeit begleiten. Auch wenn es auf den ersten Blick danach aussieht: Die Zirkusschule ist weit mehr als ein Freizeitangebot. Die verschiedenen Kurse und Workshops schaffen Gelegenheiten, um zusammenzukommen und Vertrauen aufzubauen. Im Mittelpunkt stehen das Selbstwertgefühl der Kinder und Jugendlichen und ein gewaltfreier Umgang miteinander. Wer im Alltag immer wieder Gewalt erlebt, reagiert oft selbst mit Gewalt. Diesen Kreislauf zu durchbrechen, ist eine riesige Herausforderung und eines der wichtigsten Ziele der Zirkusschule. Meine Aufgabe wird es sein, das Team zu stärken, Kinder und Jugendliche in schwierigen Situationen zu begleiten und die Zusammenarbeit mit den Schulen in der Umgebung zu fördern. Mit dem Kinderrechtszentrum kehre ich in jene Region zurück, in der ich geboren wurde. Ich freue mich sehr darauf, gemeinsam mit jungen Menschen neue Perspektiven und konkrete Hoffnung für ihre Zukunft zu schaffen. Meine Rückkehr hat also nicht nur mit einem geografischen Ort zu tun. Auch in meiner Arbeit kehre ich gewissermassen zu meinen Wurzeln zurück. Und auch du, Beat, wirst an einem Ort tätig sein, der dir bestens vertraut ist.

Zirkusschule des Kinderrechtszentrums Interlagos, Bezirk Grajaú, São Paulo, Brasilien.

Beat: Ja, das stimmt. Ich werde bei der Vereinigung sozialer Bewegungen Brasiliens mitarbeiten, der Central de Movimentos Populares (CMP). In Brasilien spricht man auch von «Volksbewegungen». Damit sind Gruppen und Initiativen gemeint, in denen sich Menschen zusammenschliessen, um für ihre Rechte und ein menschenwürdiges Leben einzutreten. Schon Anfang der Neunzigerjahre war ich an der Gründung dieses Netzwerks beteiligt. Eine wichtige Erkenntnis aus unserer damaligen Arbeit ist bis heute gültig: Ungerechtigkeit und Ausbeutung sind keine seltenen Einzelfälle. Für viele Menschen gehören sie zum Alltag. Die scheinbare Ausnahme ist die Regel. In einer Gesellschaft, in der Armut, Ausgrenzung und Unterdrückung immer wieder neue Ungleichheit schaffen, kämpfen die Menschen in den Favelas für die Anerkennung ihrer Würde. Sie stellen die Macht und die Vorteile jener infrage, die von diesen ungerechten Verhältnissen profitieren. Gleichzeitig wissen die einzelnen Gruppen, dass sie allein nur wenig erreichen können. Ausserdem hängen die verschiedenen Bedürfnisse der Menschen eng zusammen. Eine Schule für Kinder ist wichtig. Doch Bildung allein reicht nicht aus, wenn Familien kein sicheres Zuhause haben, hungern oder keinen Zugang zur Gesundheitsversorgung finden.

Aus dieser Erkenntnis heraus entstand die Vereinigung sozialer Bewegungen. Unzählige lokale Gruppen und Initiativen aus den Städten ganz Brasiliens haben sich in diesem Netzwerk zusammengeschlossen. Gemeinsam kämpfen sie für menschenwürdigen Wohnraum, Zugang zu Gesundheit und Bildung, für Frauenrechte, gegen Hunger und Armut sowie für den Schutz benachteiligter und ausgegrenzter Menschen. Kurz gesagt: Sie setzen sich dafür ein, dass alle Menschen in einer Stadt ohne Angst und Gewalt leben können.

Dabei wollen sie keine staatliche Sozialpolitik, die über ihre Köpfe hinweg entscheidet. Sie fordern eine Politik, die ihre Rechte schützt, sie stärkt und ihnen ermöglicht, ihr Leben selbst zu gestalten. Meine Aufgabe wird es sein, gemeinsam mit der landesweiten Leitung der CMP die verschiedenen Initiativen und Bewegungen zu unterstützen, damit sie sich noch besser organisieren und gemeinsam handeln können.

Die in der CMP vereinten sozialen Bewegungen machen ihre Menschenrechte sichtbar und setzen sich für partizipative Sozialpolitik ein. São Paulo, Brasilien.

Marcia: Ob im Kinderrechtszentrum oder in der Vereinigung sozialer Bewegungen – im Grunde geht es immer um dasselbe: Menschen eine Stimme geben, sie zusammenbringen und Orte der Gemeinschaft schaffen. Gemeinsam wollen wir an einer Gesellschaft mitwirken, in der Ausbeutung und Gewalt keinen Platz haben. Aber wir gehen diesen Weg ja nicht allein. Auch unsere zwölfjährige Tochter Luana kommt mit uns. Für sie bedeutet die Rückkehr nach São Paulo ebenfalls eine grosse Veränderung. Wir sind gespannt, wie sie diesen neuen Lebensabschnitt erlebt.

Luana: Ich wurde in São Paulo geboren, kann mich aber nicht mehr daran erinnern. Als ich drei Jahre alt war, zogen wir nach Bogotá. Ich kenne Brasilien von unseren Ferien und habe viele Erinnerungen an die riesige Stadt São Paulo. Ich freue mich sehr darauf, näher bei meinen Cousinen zu wohnen. Ausserdem liebe ich die Früchte in Brasilien und natürlich die Strände. Am Meer mache ich gerne Radschläge im Sand und spiele mit meiner Familie Volleyball. Ich mag auch das wärmere Klima, obwohl es manchmal fast zu heiss ist. Ich hoffe, dass die Wasserknappheit in den nächsten Jahren nicht noch schlimmer wird. In der Schule habe ich gerade eine Arbeit über Brasilien geschrieben. Es hat mir Spass gemacht, meinen Freundinnen und Freunden dieses schöne Land vorzustellen. Hier in Deutschland haben wir in einem kleinen Dorf gelebt. Jeden Tag fahre ich mit dem Fahrrad zur Schule und geniesse es, mich frei und ohne Angst bewegen zu können. Das werde ich in São Paulo bestimmt vermissen. Aber ich glaube, dass ich mich schnell an mein neues Leben gewöhnen werde. Jeder Ort hat seine schönen Seiten und seine Herausforderungen.

São Paulo, Brasilien.

(tuto)