Die Adventsaktion 2026 der Pfarrei St. Peter und Paul in Winterthur ermöglicht den Bau von zwei Schulzimmern in der Capoeiraschule Guaraúna in São Paulo, Brasilien.

Capoeira? Ja klar!

Mittlerweile ist Capoeira auch in unseren Breitengraden bekannt. Dahinter versteckt sich eine lange Geschichte: afrikanische Wurzeln, entstanden in Brasilien und heute verbreitet auf der ganzen Welt. Es ist eine Mischung aus Kampfkunst, Tanz, Akrobatik, Trommeln, Rhythmus, Musik und Theater. Entstanden ist sie im Brasilien der Kolonialherrschaft aus dem Widerstand von Menschen, die aus Afrika verschleppt und versklavt wurden. Trotz der unmenschlichen Lebensbedingungen fanden die versklavten und ausgebeuteten Menschen im gemeinsamen Kreis der Capoeira Gemeinschaft und Zusammenhalt. So ist Capoeira Erinnerung an die Jahrhunderte der Ausbeutung. Gleichzeitig ist sie ein Stern der Hoffnung, ein Horizont gemeinschaftlicher Veränderungen, denn auch heute ist das Leben in São Paulo und ganz Brasilien von Gewalt und sozialer Ungleichheit geprägt. Heute verbindet Capoeira Menschen nicht nur in Brasilien, sondern auf der ganzen Welt.

Capoeiraschule Guaraúna, Favela Anchieta, São Paulo, Brasilien

Ein Beispiel dieses leuchtenden Hoffnungssterns ist die Capoeiraschule Guaraúna, in der Südzone von São Paulo. Sie entstand als kleine Initiative in der Favela da Cheba. Heute ist Guaraúna mit Capoeiragruppen in mehr als zehn verschiedenen Favelas aktiv. Doch es geht dabei nie ausschliesslich um Capoeira. „Capoeira ist nur unser Ausgangspunkt. Es ist eine Aktivität, die wir lieben und mit der wir Kinder und Jugendliche erreichen. Doch unser Ziel geht weit darüber hinaus: Wir wollen ihren Glauben daran stärken, dass sich auch die schwierige Lebensrealität der Menschen in den Favelas verändern lässt“, erzählt Buiu, Mitglied des Gründungskollektivs der Capoeiraschule und vor 9 Jahren zu Besuch an der Adventsaktion der Pfarrei St. Peter und Paul in Winterthur.

Dieses Jahr besuchen uns Nanny und Alisson von Guaraúna. Sie berichten vom Ausbau des Gemeinschaftszentrums in der Favela Anchieta. Dort setzen sich über fünfhundert Familien für bessere Lebensbedingungen und ein menschlicheres Leben ein. „Unser einzig möglicher Weg, unsere Lebensbedingungen zu verbessern, liegt in der Gemeinsamkeit. Dazu brauchen wir Vertrauen zueinander und müssen miteinander nach neuen Wegen suchen“, sagt Nanny bestimmt. Sie und Alisson sind schon als Kinder in der Capoeiraschule Guaraúna aktiv geworden. Heute gehören sie zur jungen Generation, welche die Aktivitäten von Guaraúna koordiniert und die Arbeit der Organisation Schritt für Schritt ausweitet.

Capoeiraschule Guaraúna, Favela Anchieta, São Paulo, Brasilien

Adventsaktion 2026

Das Ziel der diesjährigen Adventsaktion ist der Bau von zwei Schulzimmern im Gemeinschaftszentrum der Favela Anchieta. „Einen Versammlungsraum haben wir bereits, jetzt bauen wir Schulzimmer für die unzähligen Aktivitäten, die Guaraúna mit Kindern, Jugendlichen und ihren Familien umsetzt. Capoeira bringt uns zusammen. Auf dieser Gemeinschaft wollen wir aufbauen und noch viel mehr erreichen: Schule, Ausbildung, Studium, Beruf und Arbeit. Kurz gesagt: ein lebenswertes Leben für alle“, erklärt Alisson. Die Kraft der Gemeinschaft der Capoeiraschule Guaraúna eröffnet den Menschen in der Favela Anchieta neue Perspektiven. Auch die Verbundenheit mit Menschen in Winterthur macht Veränderungen möglich, konkret und gibt Hoffnung. Die Adventsaktion verbindet Menschen in der Schweiz mit Menschen in Brasilien. Gemeinsam setzen wir ein Zeichen: eine andere Welt ist möglich, wenn wir unsere Beziehungen zueinander verändern und Solidarität nicht nur leben, sondern miteinander in Bewegung bringen.

Nanny und Alisson stellen sich vor

Nanny: „Ich heisse Neryane, aber alle nennen mich Nanny. Ich bin 29 Jahre alt und mache seit mehr als zwanzig Jahren Capoeira. Zwei Schulfreundinnen haben mich damals eingeladen, mit ihnen zur Capoeiraschule zu gehen. Zu dieser Zeit trainierten wir noch in einem kleinen Raum neben der Kirche. Ich war neugierig, ging mit – und Capoeira hat mich seither nie mehr losgelassen. Capoeira war in meinem Leben wie eine Tür, die ich öffnete. Dahinter entdeckte ich eine neue Welt. Das Leben in der Favela ist sehr hart und immer geprägt vom Überlebenskampf und von Gewalt. Durch diese Tür fand ich einen Weg, der meine Wirklichkeit nicht verdrängt oder verschweigt, sondern mir gezeigt hat, dass ich mitten in dieser schwierigen Wirklichkeit nicht einfach untergehen muss, sondern meinen eigenen Weg finden und gestalten kann.

Nanny in der Mitte (2007) mit zwei Freundinnen bei ihren ersten Capoeiraerfahrungen.

Genau darin liegt für mich die grosse Kraft von Capoeira. Sie eröffnet Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit, gemeinsam zu spielen, zu lernen und Gemeinsamkeit zu erleben. Wir trainieren in unserem Gemeinschaftszentrum, doch sind wir mit unseren Darbietungen oft in ganz São Paulo unterwegs. So stärkt uns Capoeira in unserer Gemeinschaft in der Favela und öffnet gleichzeitig den Blick über unsere unmittelbare Lebenswelt hinaus. Mein Leben hat sich durch Capoeira verändert. Und ich bin kein Einzelfall. Viele Jugendliche haben wie ich als Kinder angefangen, haben heute ihren ersten Arbeitsplatz, bauen ein Zuhause für ihre Familie. Andere haben mit einem Studium begonnen. Durch Capoeira haben sie gelernt, sich von den Leiden des Alltags nicht lähmen zu lassen.

Bei jeder Entscheidung, die ich treffe, denke ich an die Kinder und Jugendlichen unserer Capoeiraschule. Sie sehen mich als Vorbild. Damit trage ich eine grosse Verantwortung, für sie Beispiel und Unterstützung zu sein. Gleichzeitig sind sie für mich die grosse Hoffnung, trotz aller Schwierigkeiten des Alltages. Gemeinsam arbeiten wir daran, dass die Kinder nicht einfach auf eine bessere Zukunft vertröstet werden, sondern dass sie heute schon damit beginnen können, ihre Zukunft selbst zu gestalten.“

Nanny heute mit ihrer jungen Familie.

Alisson: „Ich heisse Alisson und bin in der Favela da Cheba aufgewachsen. Eine Favela ist ein Ort, in dem Menschen unter unwürdigen Bedingungen leben müssen. Die unzähligen Familien, die in den Favelas am Rand der Stadt leben, haben kein Geld, um Mieten bezahlen zu können, und behelfen sich mit prekären Behausungen. Wenn sie nicht vertrieben werden, versuchen sie nach und nach ihre Häuser zu verbessern. Aber die Gassen bleiben eng, Post wird keine zugestellt, eine auf dem Stadtplan existierende Adresse hat niemand. Genau deshalb ist die Favela nicht nur Zuflucht für mittellose Familien, sondern auch Versteck für organisiertes Verbrechen und Drogenhandel. Damit sind die Familien gleich doppelter Gewalt ausgesetzt: einerseits durch die schwierigen Wohnbedingungen, andererseits durch die Gewalt des Drogenhandels und der Militärpolizei, die alle Bewohner der Favelas als potenzielle Kriminelle behandelt und sich oft selbst am Drogenhandel bereichert. Unter diesen Bedingungen Kind zu sein, ist nicht einfach. Aber ich wollte meine Mutter nie enttäuschen. Sie hat ihre vier Kinder allein grossgezogen. Heute habe ich selbst drei Kinder und versuche, durch meine Arbeit meiner ganzen Familie ein würdiges Leben zu ermöglichen. Das ist ein täglicher Kampf.

Alisson (2007, links in Gelb) mit der Perkussionsgruppe ‚Bate Lata‘ der Capoeiraschule Guaraúna.

Neben meiner Mutter war die Capoeiraschule der Ort meiner Kindheit. In der Capoeiraschule haben wir auch unsere Perkussionsgruppe aufgebaut. Alte Farbkanister verwandelten wir in Trommeln und erzeugten damit mitreissende, rhythmische Musik. Aus scheinbar nichts entstand etwas sehr Bewegendes. Dies war eine prägende Erfahrung: Unsere Träume fallen nicht einfach fertig vom Himmel, aber wir können Dinge, die am Rand der Strasse vergammeln, nutzen. Aus Abfall kann echt gute Musik entstehen! Natürlich geht das alles nicht ohne Hilfe. Wir brauchen auch Unterstützung und Menschen, die uns begleiten. Doch diese Erfahrung hat mich gelehrt, dass wir selbst etwas bewegen können. So ist Capoeira für mich und für immer mehr Kinder und Jugendliche ein Ort, an dem wir miteinander wachsen, unsere gemeinsame Energie nutzen und unsere Favela durch diese Beziehungsarbeit zu einem Ort echter Menschlichkeit machen können. In all diesen Jahren ist die Capoeiraschule gewachsen. Aus einer Gruppe sind viele geworden. Heute sind Nanny und ich der konkrete Beweis dafür, dass Kinder von heute zu Lehrern und Vorbildern anderer Kinder werden können. Wir haben in der Capoeiraschule viel gelernt. Dieses Wissen und diese Erfahrungen möchten wir weitergeben, damit alle Kinder der Favela eine Chance bekommen. Denn jedes Kind, unabhängig davon, woher es kommt, ist ein Mensch und hat Recht auf ein würdiges Leben.“

Alisson mit Nanny in der Favela Anchieta, São Paulo, Brasilien (2026).

Zwei Schulzimmer für die Capoeiraschule

Sowohl Nanny als auch Alisson gehören zur ersten Gruppe der Capoeiraschule, die vor rund zwanzig Jahren in der Favela da Cheba im Süden von São Paulo entstanden ist. Bis heute sind sie weiter in dieser Favela aktiv. Ihr besonderer Einsatz liegt jedoch in der Stärkung der Gemeinschaftsstrukturen einer vor wenigen Jahren entstandenen Favela. Sie heisst Favela Anchieta und zählt inzwischen über fünfhundert Familien. Anfangs bestanden die Behausungen dort aus Holz und Karton. Ein Gemeinschaftszentrum gab es nicht. Dank der Unterstützung durch die Adventsaktion 2017 und dem Verein Novo Movimento konnte schrittweise ein Gemeinschaftszentrum aufgebaut werden. Es ist heute das Herzstück der gemeinschaftlichen Bemühungen, die Lebensbedingungen in der Favela zu verbessern.

Favela Anchieta, Südzone von São Paulo, Brasilien.

Capoeira ist ein wichtiger Bestandteil der Aktivitäten des Zentrums. Doch der Raum bietet Platz für unzählige weitere Aktivitäten. Eine Gemeinschaftsküche, die psychosoziale Begleitung von Familien, Workshops und Unterstützung bei der beruflichen Orientierung sind nur ein paar wenige Beispiele der intensiven Nutzung des Zentrums. Der verfügbare Platz ist knapp. Trotzdem ist es gelungen, sogar einen kleinen Spielplatz einzurichten – der einzige in der Favela. Jetzt geht es einen Schritt weiter: An der Stelle der ersten Holzbaracke, wo das Gemeinschaftszentrum entstanden ist, steht jetzt der Bau von zwei Schulzimmern an. Die Planung sieht vor, dass auch noch ein weiteres Stockwerk darüber ergänzt werden kann. Wer weiss, vielleicht gelingt es mit der Adventsaktion 2026 sogar, mehr als die beiden geplanten Schulzimmer zu realisieren und der Capoeiraschule Guaraúna zusätzlichen Raum für ihre wichtige Arbeit zu ermöglichen. Wir halten euch alle auf dem Laufenden!

Vorne rechts der kleine Spielplatz der Capoeiraschule Guaraúna, hinten der grosse Versammlungsraum und links die Holzbaracke, die für zwei neue Schulzimmer abgebrochen wurde.

(tuto)