Madeleine Müller, Präsidentin von Novo Movimento, die den Verein seit vielen Jahren mit viel Energie und Liebe leitet, jedoch selber Brasilien nicht kannte, berichtet von ihrer ersten Brasilienreise. Das ist also ihr erster Reisebericht von den Begegnungen mit Menschen und Projekten, welche Novo Movimento unterstützt. Madeleine erzählt von ihren Eindrücken, die sicher bleibend sein werden. Und ihre Worte sind Brücken zwischen den Kindern, Jugendlichen und ihren Familien in São Paulo und uns hier in der Schweiz: Brücken, die geografisch getrennte Welten verbinden, und kleine Schritte zur Verwirklichung der einen gemeinsamen Welt ermöglichen.

Madeleine reiste im vergangenen November, kurz nach den Wahlen, welche den Hetzer Bolsonaro aus dem Amt hob. Die Luft in Brasilien ist in der Zwischenzeit wieder besser geworden. Das allgemeine gesellschaftliche Klima ist nicht mehr durch Angst und Gewalt geprägt, sondern durch die Gewissheit, dass Veränderungen möglich werden, wenn eine gesellschaftliche Mehrheit sich für sie engagiert. Auf Lulas Schultern als wiedergewählter Arbeiterpräsident liegen viele Hoffnungen und Erwartungen. Die Zuversicht ist gross, dass es gelingen kann, neue Akzente zu setzen, die Menschenrechte im Zentrum des politischen Handelns zu platzieren und die elementaren Bedürfnisse der Menschen als absolute Priorität zu etablieren. Die Herausforderungen sind gewaltig und die Hoffnungen sind berechtigt!

Anreise und Ankunft

Am 10. November flogen wir also Richtung São Paulo, wo uns Djalma Costa und sein Assistent Alexandre mit Bus und Chauffeur abholten. Schon auf der Fahrt vom Flughafen ins Stadtzentrum zum Hotel hatten wir die verschiedensten Eindrücke. Es herrschte schon frühmorgens ein gigantischer Verkehr. Wir sahen Obdachlose, die auf dem Grasstreifen neben der Autobahn campierten. Einige versuchten während der gelegentlichen Staus etwas an die Autofahrer zu verkaufen. Industriebauten, Glaspaläste neben verrotteten Gebäuden, Favelas, ein städtebauliches Chaos zog an uns vorbei. Immer wieder spürte man den Versuch die Stadt zu verschönern mit witzigen oder sozialkritischen, riesigen Fassadenbildern.

Djalma Costa, Alexandre und die jungen Frauen von E-Changer stellten ein dichtes, hoch interessantes Programm zusammen. Bereits am ersten Tag trafen wir uns im Versammlungsraum einer lokalen Gewerkschaft, der uns während des ganzen Aufenthaltes zur Verfügung stand. Es gesellten sich noch zwei Delegierte aus Burkina Faso und zwei aus Bolivien dazu, die in einem Programm von E-Changer arbeiten. Dazu kamen noch eine Übersetzerin, eine Grafikerin und ein Fotograf. Wir stellten uns und unsere Funktionen gegenseitig vor. Im ganzen waren wir 20 Personen.

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neue Wohnungen
Gärten CMP
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Eingeladene Vertreter*innen der sozialen Bewegungen und neugewählte Abgeordnete

Am andern Morgen wurden dort Delegierte der sozialen Organisationen eingeladen: CMP, MMM, MTST, MST, MAB (Volksbewegung, Frauenmarsch, Obdachlose, Landlose, Umweltschützerinnen in Staudammgebieten). Ediane, eine neugewählte Abgeordnete voller Energie war stolz, eine Vertreterin des einfachen Volkes zu sein. Alle berichteten von ihren Engagements.

Zum Mittagessen waren wir in der Gassenküche von Dona Vilma in der Ostzone von São Paulo eingeladen, die sie zusammen mit Mitgliedern der Obdachlosenbewegung (MTST) gegründet hatte. Diese quirlige, initiative Frau sammelt von Grossverteilern, aus den Gärten der Vereinigung der Volksbewegungen (CMP) und anderen Spendern Lebensmittel und kocht mit freiwilligen Helferinnen täglich 150 Menüs für Familien. Die Ernährungsicherheit war während der Pandemie für die Hälfte der Brasilianer nicht gewährleistet. Etwa 30 Gassenküchen kochten seit 2021 mehr als eine Million Mahlzeiten.

Am Nachmittag fuhren wir weiter an den Stadtrand, wo eine Versammlung der CMP stattfand. Um ihren Versammlungsort haben sie grosse Gärten angelegt für die Selbstversorgung. Der Plan, die Favelas sukzessive durch einfache Wohnbauten zu ersetzen, ist in vollem Gang. Genügend Land für Gärten ist ebenfalls zugesichert. Eben fand ein grosser Samenaustausch statt.

Abflug nach Manaus

Silvio Cavuscens holte uns ebenfalls mit Bus und Chauffeur am Flughafen ab und führte uns direkt in eines der typischen Freiluftrestaurants ausserhalb der Stadt zu einem wunderbaren Mittagessen.

Am Nachmittag fuhren wir ins Büro von SECOYA (Kooperation mit dem Volk der Yanomamis), wo Silvios Mitarbeiter*innen auf uns warteten. Sie erzählten uns, dass sie schon einige Wochen nicht mehr flussaufwärts in die Dörfer der Yanomami fahren könnten, weil es für sie als Unterstützer der Indigenen wegen gewalttätiger Goldsucher, Holzfäller und Rinderfarmer zu gefährlich geworden sei. Vergeblich warteten wir auf Julião Yanomami, der von seinem Dorf (Xapono) auf seinem Boot den Rio Negro herunter hätte kommen sollen. Er traf dann am nächsten Tag am Abend ein. Er war acht Tage unterwegs, hatte einen Motorschaden und musste das letzte Stück rudern!

Projekte von Indigenen

Wir besuchten derweil die kleine Siedlung der Vereinigung der indigenen Frauen des oberen Rio Negro. Jede von ihnen erlebte ein traumatisches Schicksal von Gewalt. Sie können nicht mehr in ihre angestammten Xaponos zurück. Durch die Hilfe von SECOYA und anderen sozialen Institutionen konnten sie ihr Haus, eine grosse Küche, Ateliers, einen gedeckten Treffpunkt und einen kleinen Verkaufsladen errichten. Hier fühlen sie sich geschützt, konnten eine Ausbildung machen und können mit ihren Handarbeiten oder auch mit auswärtiger Arbeit den Lebensunterhalt verdienen.

Anderntags trafen wir Vertreter der Indigenenvereinigung COIAB (Koordination der indigenen Organisationen des brasilianischen Amazonas). Sie wurde bereits 1989, nach in Kraft treten der neuen Verfassung, gegründet. In all den Jahren wurden die Rechte der Indigenen nicht wirklich durchgesetzt. Seit der Regierung Bolsonaro wurde deren Missachtung sogar gezielt gefördert. Die Zerstörung des Regenwaldes und das Leiden der darin lebenden Völker ist katastrophal! Ich staunte über die sehr jungen, gut ausgebildeten Akteur*innen, wie sie kämpferisch den Spagat versuchen zwischen der traditionellen Lebensweise im Regenwald und der sogenannten «Zivilisation» der übrigen Bevölkerung. Wenn sie für ihre Rechte kämpfen wollen, müssen sie verstehen wie die andern ticken! Besonders beeindruckte mich die Koordinatorin Marciely Tupari.

Den Nachmittag verbrachten wir im Parque das Tribos in der Peripherie von Manaus. Hier besetzten vor einigen Jahren vertriebene, in der Stadt gestrandete Indigene unbebautes Land. Viele dieser Familien erlebten auch unglaubliches Leid. Heute ist ihnen das Terrain zugesichert. Sie haben nach und nach eine kleine Siedlung gebaut mit einem Schulraum, einem Besammlungs- und Gesundheitszentrum und Gärten. Sie verdienen ihren Lebensunterhalt mit Handarbeiten oder mit einer Arbeitsstelle in der Stadt.

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Indigene Frauen, Manaus
Handarbeiten
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Wieder in São Paulo

Wir fuhren in den Norden, hinaus aus der Stadt und besuchten das Landwirtschafts-Projekt der MST (Landlosenbewegung) Franco da Rocha. Es entstand 2002 nach einem Gesuch für ein Nutzungsrecht von seit Jahrzehnten brach liegendem Land. Die Idee war, einst als Landlose in die Stadt gezogene Leute, die dort unter erbärmlichen Verhältnissen litten, wieder aufs Land zu bringen. Nach 20 Jahren kann man sagen, dass die Idee im wahrsten Sinne des Wortes Früchte trägt. Nun machen 63 Familien auf je 3 ha Land biologischen Landbau. Sie leben vom Verkauf ihrer Produkte. In der Stadt betreibt die Landlosenbewegung eine grosse Markthalle. Die Bauernfamilien leben in Würde in ihren einfachen Häusern und sind stolz darauf, was sie erreicht haben. Wir konnten Wein degustieren und wurden sehr grosszügig bewirtet.

Am nächsten Tag nahmen wir an der Versammlung der Coalizão Negra por Direitos (Vereinigung für die Rechte der Afrobrasilianerinnen) teil. Sie feierten ihr dreissigjähriges Bestehen und besprachen den Ablauf des Demonstrationsmarsches am folgenden Tag. Schwarze Brasilianerinnen leiden am meisten unter Diskriminierung und Rassismus. Die Community kämpft sehr für gerechte Bildungschancen und Zugang zu Universitäten. Wir beschliessen spontan am Sonntag an diesem Marsch für mehr Rechte und gegen Rassismus teilzunehmen. Viele andere soziale Gruppierungen marschierten aus Solidarität mit. Das Polizeiaufgebot war enorm. Niemand provozierte. Alles lief geordnet ab.

Ansiedlung der Landlosenbewegung in der Nähe von São Paulo

Interlagos in der Südzone von São Paulo

Da sieht man praktisch keine Hochhäuser mehr. Die Favelas sind in einem besseren Zustand. Der Eindruck ist freundlicher. Endlich konnte ich in das mir nur von Bildern bekannte Kinderrechtszentrum eintreten. Welche Freude und Wärme kam mir entgegen! Der Raum war bunt geschmückt mit Ricardo Negros Bildern. Das ganze Team begrüsste uns mit einer unbeschreiblichen Herzlichkeit. In diesem Haus fühlt man sich beschützt und aufgehoben. Auf dem Boden lag ein Tuch mit symbolischen Bedürfnissen der Menschen in den Favelas. Wir nahmen im Versammlungs- raum Platz und wurden gefragt, worauf wir hungrig wären, was für Bedürfnisse wir hätten. Sie unterscheiden sich kaum. Ein Zuhause, Menschenrechte, Nahrung, Bildung und Erziehung, Kultur, Kunst, Freizeit und Lebensfreude! Sie hatten diese Begriffe liebevoll für uns auf Französisch übersetzt! Sie berichteten wie schwierig das ist, diesen Hunger für alle Kinder und Jugendlichen und auch für die Erwachsenen zu stillen, besonders in den letzten dunkeln Jahren. Ich finde, sie haben schon viel geschafft. Sie haben sich durchgesetzt. Das Team strahlte viel Wärme und Hoffnung aus. Auch die Jungen, die vom Treffpunkt und Netzwerk Kinderrecht profitiert haben, folgen nach mit Engagement und eigenen Ideen.

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Ein Höhepunkt ist halt schon die Zirkusschule (Circo Escola). Wir wurden mit einem Trommelspalier empfangen und durften ein tolles Zirkusprogramm, von den Darbietungen der Kleinen bis zu echten Zirkusnummern der grossen Mädchen geniessen. Es ist berührend mit wieviel Freude die Kinder agieren. Hier können sie sich treffen und vernetzen, hier sind sie geborgen, haben Ansprechpersonen und müssen keine Angst haben. Neben dem Zirkus gibt es auch Ateliers zum Malen, Musizieren, Werken und auch eine Verpflegungsmöglichkeit. Wir durften ebenfalls ein feines Mittagessen geniessen.

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Weiter gings zum Haus des Vereins Pagode 27. Pagode ist eine Sambavariante, gespielt mit Rhythmusinstrumenten, dem Cavaquinho (eine kleine brasilianische Gitarre) und Gesang. 27 ist einfach die Nummer der Strasse, in welcher das Haus steht. Es ist nun fertig gebaut und eingerichtet und bunt bemalt. Jefferson und seine Musikerfreunde möchten Kinder für Musik begeistern und mit ihnen Cavaquinhos bauen. Sie arbeiten eng mit dem Kinderrechtszentrum zusammen und wollen Kinder begleiten. Sie kennen ihre Bedürfnisse, sind sie doch selber Kinder der Favela gewesen.

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Der letzte Besuch gilt dem Projekt der Capoeiraschule Guaraúna von Buiu, die von Beat schon oft beschrieben wurde. Dank der grosszügigen Unterstützung der Firma Bachema, konnte er so richtig Gas geben mit bauen. Der Mehrzweckraum mit Küche und sanitären Anlagen ist fertig , ebenso ein Spielplatz. Buiu ist in seiner Favela Anchieta sehr respektiert. Er verhilft Jugendlichen zu einer Zukunftsperspektive.

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Rückblick
Nun habe ich diese Reise während des Schreibens gerade nochmals erlebt. Das war unglaublich intensiv, das Programm sehr dicht. Eine besondere Erfahrung war auch, wie wir in der Delegation zu einer vertrauten Gemeinschaft wurden. Nur die Mitarbeiterinnen von E-Changer kannten sich. Die andern Teilnehmerinnen waren eine bunt zusammengewürfelte Gruppe. Die Reise wurde super organisiert von Djalma und Alexandre. Sie haben das Vertrauen und den Respekt der Bewohner der Favelas. Sonst wären wir da nie hin gekommen.

Wir wurden überall mit einer unglaublichen Herzlichkeit empfangen und sehr grosszügig bewirtet. Nahrung ist in diesem Land im Überfluss vorhanden, nur leider ist sie ungleich verteilt. Dass es da Menschen gibt, die hungern ist einfach unfassbar und macht wütend. In all den von uns besuchten Projekten wird mit Erfolg gegen diese Ungleichheit gekämpft. Es war nirgendwo einfach. Zum Teil jahrzehntelange, zähe Verhandlungen waren nötig, um diese Ziele zu erreichen.

Es gibt noch viel zu tun. Es herrscht noch zu viel Elend; aber eines ist klar, die Träume sind immer da. Sie leuchten in den schönsten Farben und mit originellen Sujets von tausenden Wänden. Das habe ich mitgenommen: die Träume und die Hoffnung nicht verlieren.