Verletzende Gewalt, erniedrigende Unterdrückung und entrechtende Ausbeutung produzieren ein Gefühl der Ohnmacht, die scheinbare Gewissheit, allein und verlassen zu sein. Doch die strukturell produzierte Verweigerung von Gleichheit, Zugehörigkeit und Gemeinschaft ist nie das letzte Wort. Unüberwindbar scheinende Mauern haben immer Risse. Und genau da setzt die Solidarität an. Sie übersetzt den anfänglichen Aufschrei in gemeinschaftliche Bewegung, nährt die Erfahrung, dass niemand von allen verlassen bleibt, und organisiert die Verbundenheit. Trauer und Empörung reifen zu gemeinschaftlicher Organisationsarbeit.
Genau das ist der wesentliche Inhalt der Projektarbeit von Novo Movimento in Brasilien. Wir schauen auf die durch die herrschende Normalität unsichtbar gemachten Menschen und versuchen, mit ihnen Räume zu öffnen, die ihnen Sichtbarkeit ermöglichen. Novo Movimento hat sich auf die Kinderrechte fokussiert und fördert eine Perspektive, die mit Kindern, Jugendlichen und ihren Familien die Bedingungen schafft, dass sie selbst aktiv, mitgestaltend, handelnd und sichtbar werden können. Erfahrungen der Veränderung sind immer gleichzeitig persönlich, gemeinschaftlich und gesellschaftlich wirksam.

Diese Arbeitsweise wird in den zwei Projektansätzen des Kinderrechtszentrums Interlagos (CEDECA Interlagos) deutlich. In einem ersten Schritt holen das Kinderrechtszentrum Interlagos und seine lokalen Partnerorganisationen Kinder, Jugendliche und ihre Familien dort ab, wo sie sind. Alltägliche Erfahrungen vielfältiger Gewalt hinterlassen Kinder und Jugendliche in einem Gefühl der Sackgasse. Sie brauchen juristische Beratung und psychosoziale Betreuung. Das finden sie im Projekt Treffpunkt Kinderrecht. Professionelle Teams bieten eine immer offene Tür, damit Kinder und Jugendliche im Kontext von Gewalt und Verletzung ihrer Menschenrechte – durch häusliche Gewalt, fehlende Schulplätze, Gewalt durch Militärpolizei und Drogenhandel, Kinderarbeit usw. – einen geschützten Raum haben, um den Teufelskreis der Gewalt zu stoppen.
In einem zweiten Schritt gilt es, die Opferrolle zu überwinden. Kinder und Jugendliche sind Opfer von Gewalt und Ausbeutung, sie sind aber viel mehr als das. Schrittweise können die erlittenen Traumata gemeinsam bearbeitet werden, und es kann durch den Aufbau von Beziehungen des Vertrauens überraschend schnell gelingen, die eigenen Fähigkeiten zum Handeln zu entdecken, neuen Mut zur Gemeinsamkeit zu fassen, und die Passivität der Opfer durch aktives Engagement als gesellschaftlich mitgestaltende Akteure zu überwinden. Dieser zweite Schritt ist im Projekt Netzwerk Kinderrecht beheimatet. Das Netzwerk ist ein immer breiter werdendes Netz von Organisationen, Initiativen und Projekten in der Südzone von São Paulo, die solche Räume der gemeinschaftlichen Entwicklung für Kinder und Jugendliche ermöglichen. Die Projektarbeit sichert den Zugang zu einem Schulplatz und bietet ein partizipatives Umfeld mit einer Vielzahl von Aktionsmöglichkeiten, weiterführenden Beratung und Begleitung der Kinder, Jugendlichen und ihrer Familien.

Die Arbeit beginnt mit einem Blick in den Spiegel, eine Versöhnung mit sich selbst, die Befreiung von eigenen und fremden Schuldzuweisungen und das Akzeptieren der erlittenen Wirklichkeit, um schrittweise Kraft zu finden, diese zu verändern. Diese Kraft wächst gleich einer kleinen, verletzlichen Pflanze in der verbindenden Beziehung zu anderen Kindern und Jugendlichen. Sie wagen neue Wurzeln und versuchen, den harten Boden der Realität zu durchdringen. Diese Wurzeln sind lange nicht sichtbar, doch ohne sie kann keine Pflanze gedeihen. Finden die Wurzeln im Erdreich Zugang zu den Nährstoffen Vertrauen, Verbundenheit und Gemeinsamkeit, dann entsteht neue Gemeinschaft. Perspektiven spriessen, die Kreativität explodiert wie ein ausbrechender Frühling, Hoffnung wird sichtbar in den leuchtenden Kinderaugen. Natürlich sind diese Wege nicht linear. Immer wieder gibt es Wintereinbrüche in unerwarteten Momenten, doch der Frühling ist nicht für immer aufhaltbar.

Bilder: Archiv des Kinderrechtszentrums Interlagos – CEDECA Interlagos
(tuto)