Natália erzählt von ihrem Frühling, von ihrem Weg der kleinen Pflanze zum breit sichtbaren, gesellschaftlichen Mitgestalten. Sie ist selbst Künstlerin und malt mit Kindern und Jugendlichen im Projekt Netzwerk Kinderrechte des Kinderrechtszentrums Interlagos. In den vergangenen Wochen gelang es, diese oft unsichtbare und unscheinbare Arbeit weit in die Öffentlichkeit zu projizieren. Das Titelbild zeigt das Resultat dieses Prozesses. Das Wurzelwerk ist der Glaube an die Menschen, an ihre Potenziale und Möglichkeiten, die stille Arbeit der alltäglichen Begleitung. Aktionen wie die breit sichtbare Wandmalerei von Natália sind die Blüten dieser Bewegung. Sie sind der Beweis, dass Veränderungen möglich sind und in Gemeinschaftlichkeit greifbar werden.

„Mein Name ist Natália, ich bin 29 Jahre alt. Ich bin hier im Grajaú in der Südzone von São Paulo geboren und aufgewachsen. Meine Eltern migrierten aus dem Nordosten Brasiliens nach São Paulo, mein Vater aus Sergipe, meine Mutter aus Bahia. Beide auf der Suche nach einem lebbareren Leben. Ich habe schon immer sehr gerne gemalt und gebastelt. In meiner Jugend beschloss ich, für mich einen Weg zu suchen, um von meiner Kunst leben zu können. Nachdem ich die Schule abgeschlossen hatte, wollte ich Visuelle Kunst studieren. Das war jedoch nicht möglich. Dafür hat mich die Straße aufgenommen. Mit 16 Jahren hatte ich den ersten Kontakt mit Graffiti. Ich kann sagen, dass ich auf der Straße ausgebildet wurde. Die Strasse hat mich aufgenommen und gibt mir den Freiraum, mich so auszudrücken, wie ich will.
Meine Arbeit ist einerseits sehr persönlich und intim. Andererseits trägt sie die Spuren meines Kontextes und des starken Engagements der sozialen Bewegungen für das Recht auf Lebensraum, für das Recht auf würdigen Wohnraum, die Rechte der Frauen und für ein lebenswertes Leben. Meine Arbeiten entstehen aus Erlebnissen, Erfahrungen und auch Träumen. Durch mein soziales Engagement fühle ich mich in Gemeinschaft mit so vielen Frauen, die heute leben oder vor mir gelebt haben. Ihre Weisheit bedeutet mir sehr viel. Und obwohl ich in dieser riesigen Stadt lebe, habe ich eine sehr starke Verbindung zur Natur. In meinen Bildern betone ich diese Verbundenheit mit den Zyklen der Natur. Ich habe mich auch intensiv mit den Praktiken indigener Völker Brasiliens und ganz Lateinamerikas beschäftigt. Dazu kommen die Traditionen der afrikanischen Diaspora. Diese verschiedenen Elemente bündeln sich zu einer spirituellen Verbindung. Durch sie lerne ich über das Leben, woher ich komme, wer ich bin und meine Zugehörigkeit zum Ort, wo ich lebe.

Deshalb ist mein künstlerischer Ausdruck tief mit sozialen Bewegungen verbunden: den Kämpfen der Frauen, dem Kampf für Rechte und Würde. Wenn ich auf der Straße arbeite, lebe ich diese Verbindung zwischen meiner persönlichen Erfahrung und dem gemeinschaftlichen und kollektiven Leben.
Ich kenne das Kinderrechtszentrum Interlagos schon lange. Wir sind uns richtig nahegekommen, als ich Graffiti‑Workshops für Kinder und Jugendliche in der Favela da Paz leitete. Es war sehr schön, diese Arbeit zu machen. Wir schufen einen Raum für Kinder, damit sie sich ausdrücken können. In der Favela gab es keinen Saal oder Raum für gemeinschaftliches Zusammenkommen. Wir trafen uns stets auf dem Platz. Was wie ein Problem aussieht, ist für uns die Lösung. Wir waren präsent auf dem Platz der Favela, konnten so die Zugehörigkeit zu ihrem Lebensraum vertiefen, und die Kinder zeigten mit ihren Bildern, was normalerweise unsichtbar blieb. Ihre Bilder schrien laut: Wir wollen dazugehören, wir wollen gesehen werden, wir sind lebendig und wir sind hier!
Später hat mich das Kinderrechtszentrum eingeladen, eine Wandfassade an einem Wohnblock im Stadtgebiet Grajaú zu gestalten. Das Thema waren die Kinderrechte. Ich machte drei Vorschläge und wir diskutierten sie mit den Bewohnerinnen und Bewohner des Wohnblockes. Ich war sicher, dass sie dieses Bild des Mädchens wählen würden, die ein kleines Pflänzchen hält. Genauso kam es, und ich freute mich sehr. Schon lange wollte ich mich an eine Malerei dieser Größe wagen, hatte es aber nie zuvor gemacht. In meinem Bild zeige ich ein Kind, das ein Pflänzchen hält. Das Pflänzchen steht für die Zukunft, für die Erde. Ich glaube sehr daran, dass die Erde ein lebendiges Wesen ist. Mir gefällt die Vorstellung, dass wir Natur sind. Wir leben nicht getrennt von der Natur, als wären wir etwas Externes. Wir sind Natur. Dieses Gefühl müssen wir in uns wieder wachsen lassen. Die Kinder bringen es in spontaner Weise zum Ausdruck.
Mit meinem Bild möchte ich die Menschen einladen, auf die Kindheit und auf das eigene innere Kind zu schauen. Das Mädchen symbolisiert die Essenz der Kindheit und unsere Sensibilität. Und so klein die Pflanze auch ist, sie kann zum Wald werden. Jede Pflanze, jede Wurzel, jedes bisschen Erde ist wichtig. Mit den warmen Farben des Abends wollte ich die Energie der Sonne, des Lebens vermitteln. Der Kolibri erscheint sehr häufig in meinen Bildern. Er ist dieses sehr kleine Vögelchen, das zugleich eine wichtige Rolle als Bestäuber spielt. Selbst hier in São Paulo, so geprägt von Beton und Asphalt, reicht draussen aufgehängtes, wenig gesüsstes Wasser und die Kolibris erscheinen, um beim Entstehen, Wachsen und Vermehren zu helfen.“
Bilder: Douglas Fontes, Miguel Gondim de Castro, André Bueno. Graffiti von Natália Nart, Grajaú, Conjunto BNH, São Paulo. Projekt Grajaffiti – Graja na Cena Lab – CEDECA Interlagos.
(tuto)








