In der Projektarbeit von Novo Movimento ist die Capoeiraschule Guaraúna sehr konkret mit der brasilianischen Geschichte der Versklavung und Enteignung verbunden. Lenilson ist Mitgründer von Guaraúna und wird in den Favelas zärtlich Buiu genannt. Er erzählt vom Zusammenhang der Geschichte der Sklaverei mit der sozialen Ungleichheit, die Brasilien und auch die gesamte Weltgesellschaft prägt.
„In Rio de Janeiro legten die mit versklavten Menschen beladenen Schiffe am Cais do Valongo an. Als die Sklaverei verboten wurde, wurde das Pier umgebaut und die alte Steinstrasse am Cais do Valongo zugedeckt. Vor wenigen Jahren wurden Teile wieder ausgegraben und erinnern an den Terror des Menschenhandels, der systematisch Familien trennte, um jede Verbundenheit zu verunmöglichen. Und genau wie das Pier am Cais do Valongo zugeschüttet wurde, hat die herrschende Elite Brasiliens die Aufarbeitung der Geschichte der Sklaverei permanent verhindert. Rassismus gibt es nicht, die Sklaverei ist ja abgeschafft: das war die Logik. Die Hierarchisierung des Lebens blieb aber bestehen und ist bis heute im Alltag der Menschen dieses kontinentalen Landes sichtbar. Soziale Ungleichheit, Polizeigewalt, Hunger und Ausgrenzung sind in einem so reichen und fruchtbaren Land wie Brasilien nur durch ein System der Ungerechtigkeit und Ausbeutung erklärbar. In Brasilien gibt es keinen Grund für hungernde Menschen, für Kinder ohne Zukunft und Perspektiven. Diese Wirklichkeit ist gesellschaftlich produziert. Und obwohl diese harte Realität bis heute anhält, ist es wichtig nie zu vergessen, dass es immer Widerstand gegeben hat. Capoeira ist ein Ausdruck dieses Widerstandes. Aus ihrer afrikanischen Herkunft entrissen, wurden die verwandtschaftlichen Bande zwischen den versklavten Menschen noch zusätzlich zerrissen. Doch immer wieder fanden die Menschen zusammen. Tanz und Trommeln, Gesang und Rhythmus haben die Menschen trotz allem zusammengebracht. Kampfsport war natürlich verboten, das hätte ja zu Aufstand und Rebellion führen können. Deshalb haben die Menschen getanzt im Herzschlag ihrer Trommeln. Doch hinter dem Tanz war immer mehr. Das „Tanzen“ im Kreis der schützenden Runde war immer auch der Versuch des Zusammenfindens: Gemeinschaft leben, Widerstand wagen. Damit ist Capoeira nicht nur sehr tief in der afrobrasilianischen Kultur verankert. Capoeira ist auch Widerstand, Hoffnung, Glaube an eine veränderte Zukunft. Die Sklaven haben immer gegen die Sklaverei gekämpft. Die „befreiten“ Sklaven kämpfen bis heute für das Recht, in dieser einen Welt zuhause zu sein, für das Anrecht auf Teilhabe. Capoeira ist wie ein roter Faden, der uns heute mit unserer Vergangenheit verbindet und gleichzeitig eine Zukunftsperspektive öffnet.

Gerade weil Menschen mit afrikanischen Wurzeln auch nach der Sklaverei und oft bis heute als minderwertige Andere verachtet werden, war natürlich auch Capoeira sehr lange verpönt und diskriminiert. Immer wenn wir Capoeira auf der Strasse zeigen, erleben wir zwei grundverschiedene Reaktionen. Viele fühlen sich wie von einem Magnet angezogen und sind voll dabei. Andere schauen mit verachtenden Blicken. Wir lassen uns davon nicht entmutigen. Genau weil wir wissen, dass immer mehr Menschen unserer Arbeit sehr emphatisch begegnen. Diese Chance nutzen wir, vor allem in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Wir nutzen Capoeira als ein Instrument sozialer Veränderungen. Und diese Veränderungen sind real und konkret. Sicher nicht die grosse Revolution, die alles auf einen Schlag verändert. Doch wir erleben in unserer Capoeiraschule Guaraúna unzählige Veränderungen von perspektivlos scheinenden Lebenswegen. Kinder und Jugendliche haben hier in den Favelas kaum Rückhalt in der Familie. Wir sind so etwas wie eine neue Familie. Auch uns geht es also um bedeutend viel mehr als nur um Tanz, Musik und Bewegung. Wir bilden Gemeinschaft, Zusammengehörigkeit und Verbundenheit. Und wir freuen uns riesig, Ende November erneut in Winterthur sein zu können, um bei der Adventsaktion der Pfarrei St. Peter und Paul mitwirken zu können. Diesmal komme nicht ich in die Schweiz, sondern jüngere Mitglieder unserer Capoeiraschule. Denn solche Besuche sind etwas ganz Besonderes. Obwohl wir bereits viele sind und die Capoeiraschule sich in immer mehr Favelas multipliziert, ist unsere Arbeit immer auch hart und durch Rückschläge und Frustrationen gezeichnet. Eure Solidarität konkret wahrzunehmen und Gesichter hinter der so wichtigen Unterstützung von Novo Movimento zu wissen, ist eine riesige, zusätzliche Motivation.“

Die Capoeiraschule Guaraúna ist Teil des Projektes Netzwerk Kinderrecht. Die Projektarbeit beginnt immer bei den konkreten Kindern, Jugendlichen und ihren Familien. Sie ist lokal verwurzelt, stärkt den einzelnen Menschen, der sich in einem Netz bezogener Freiheit wahrzunehmen lernt. Aus den lokal gewachsenen Beziehungen entstehen Netzwerke und kleine Sprösslinge sozialer Bewegungen. Kommt der Schneeball einmal ins Rollen, kann er kaum mehr gestoppt werden. Teilhabe und Beteiligung von Kindern und Jugendlichen werden wachsende Potenziale gesellschaftlicher Mitgestaltung und Veränderung, welche die winterliche Kälte der Ausgrenzung schrittweise zu überwinden versuchen.
Bilder: GAC – Associação Guaraúna de Arte e Cultura, São Paulo
(tuto)















