„Ich ging viele Vollmonde lang unter glühender Sonne. Ich bin eine Frau, die immer weitergeht und nicht zurückkehrt zu dem, was sie weit hinter sich gelassen hat. Ich gehe weiter in der Hoffnung, den Trost eines Ortes zu finden, an dem es Freiheit gibt.
Ich, eine Frau, die an die Begierden meiner Herren gekettet geboren wurde, ich, die keinen Namen hatte, weil ich nichts war. Ich, eine Frau, die diesen Sohn mit Schmerz gebar, den sie mir aus den Armen rissen. Ich gebar viele, und all die anderen wurden mir auch genommen.
Ich ging weiter aus Furcht, man könnte mich zurückbringen. Mein Körper schmerzte, doch noch mehr schmerzte der Gedanke, sie könnten mich in mein früheres Leben zurückwerfen. Das Gehen war Freiheit und Angst zugleich. Alles, was ich hatte, wurde mir genommen: meine Kinder, meine Muttermilch, um die weißen Kinder der Herren zu stillen. Alles, was ich hatte, nahmen sie mir. So lernte ich, ein wildes Tier zu sein, um zu überleben.“
(frei übersetzt aus:
Itamar Vieira Junior, Doramar ou a Odisseia,
todavia Editora, São Paulo, 2021)
Bilder: Júlio Torres, São Paulo
Der junge, brasilianische Schriftsteller Itamar Vieira Junior beschreibt in einer fesselnden Erzählung die Flucht der entkommenen Sklavin Alma. Sie ist eine der annähernd fünfzehn Millionen Menschen, die auf dem afrikanischen Kontinent versklavt und nach Süd- und Nordamerika verschleppt wurden. Ein Drittel kam in die portugiesische Kolonie Brasilien. Zwei Millionen Menschen starben bei der Überquerung des Atlantiks. Durch die Versklavung entstand eine der grössten Perversionen menschlicher Geschichte: der Rassismus. Menschen wurden wie Gegenstände und Dinge verhandelt und verkauft, reduziert auf Objekt und Eigentum.

Sklaverei und Rassismus sind das Eingangstor in die sogenannte westliche Moderne. Die gesamten weltlichen und kirchlichen Machtstrukturen haben während 350 Jahren Sklaverei und Rassismus legitimiert und verteidigt. In den Plantagen wurde Zucker, Kaffee und Baumwolle produziert, in den Minen Gold und Silber gefördert: der Grundstein kapitalistischer Entwicklung. Die extrahierten Ressourcen finanzierten das entstehende Kapital und stützen seine asymmetrischen Grundlagen bis heute. Das gewaltige Machtgefälle zwischen globalem Norden und globalem Süden wurde in dieser Zeit kolonialer Herrschaft zementiert und die gegenwärtige soziale Ungleichheit Brasiliens ist keine Zufälligkeit, sondern ein Erbe.
Natürlich hat es während der Zeit der Sklaverei auch in Brasilien unzählige Rebellionen, Aufstände und Befreiungsversuche gegeben. Alle wurden mit extremer Gewalt niedergeschlagen und unterdrückt. Erst im Kontext tiefgreifender wirtschaftlicher, politischer und sozialer Umbrüche des 19. Jahrhunderts und des sich wandelnden internationalen Kapitalismus kam das brasilianische Sklavensystem ins Wanken. Als letztes Land des amerikanischen Kontinentes hat Brasilien am 13. Mai 1888 die Sklaverei rechtlich aufgehoben. Doch am Tag nach der Abschaffung der Sklaverei hat kein befreiter Sklave Zugang zu Land, Bildung oder Entschädigung erhalten. Die Sklaverei wurde abgeschafft, die rassistischen Strukturen beibehalten. Die Freiheit kam, der Zugang zu den Bürgerrechten nicht. So ist der 13. Mai 1888 weniger das Ende einer ungerechten Gesellschaftsordnung, sondern vielmehr die Fähigkeit der Eliten, ihre Privilegien in neuen historischen Szenarien neu zu ordnen. Die Abschaffung der Sklaverei veränderte die Arbeitsstrukturen, nicht aber die Strukturen der Macht und der sozialen Hierarchien. Diese durchqueren die brasilianische Geschichte bis heute. Die Nachkommen der früher Sklaven haltenden Eliten gehörten zu den Unterstützern der Militärdiktatur (1964-1985). Dieselben Eliten blockieren auch heute strukturelle Reformen. So versuchten sie die Arbeitsrechte von Hausangestellten zu verhindern, die tatsächlich erst 2015 gesetzlich verankert wurden. Es sind dieselben Eliten, welche den jetzt inhaftierten, rechtsradikalen Ex-Präsidenten Bolsonaro unterstützten und ihn durch Umsturz im Januar 2023 an der Macht zu halten versuchten. Und dieselben Eliten versuchen heute, den Sohn Bolsonaros bei den Wahlen im Oktober an die Macht zu bringen.

Am 25. März 2026, internationaler Gedenktag für die Opfer der Sklaverei, hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen eine historische Resolution verabschiedet: Die transatlantische Sklaverei wird durch die Resolution als „das schwerste Verbrechen gegen die Menschheit“ erklärt. Ghana hat die Resolution vorgeschlagen, 123 Länder stimmen zu, nur drei stimmten dagegen: die Vereinigten Staaten, Argentinien und Israel. Die Länder der Europäischen Union enthielten sich. Genauso die Schweiz. Wer sich enthält, schweigt und entzieht sich der Verantwortung, um sich weiterhin der Vorteile und Privilegien nicht enthalten zu müssen, die durch die koloniale Herrschaft entstanden sind.
Doch es geht auch anders. Ich stehe mit Ricardo und Leandro im Eingang der Kirche St. Peter und Paul in Winterthur. Ricardo und Leandro haben Bilder und Klänge des Sambajugendorchesters anlässlich der jährlichen Adventsaktion nach Winterthur gebracht (Dezember 2023). Sie sammeln, um ihren Samba weiter als Instrument sozialer Veränderungen einsetzen zu können. Sie erzählen von ihren gemeinsamen Erfahrungen aus den Favelas vom permanenten Versuch, den Teufelskreis der Gewalt zu durchbrechen und würdige Lebensbedingungen für die Familien der Favelas zu erreichen. Doch heute machen sie für einmal keine Musik. Gemeinsam stehen wir unter der offenen Kirchentüre. Es ist eisig kalt, der Wintereinbruch hat die beiden überrascht, sie freuen sich am so untropischen, weissen Gesicht der verschneiten Stadt. Wir stehen mit Körben in der Tür und sammeln die Kollekte für das bald beginnende Konzert. Der überraschend grosse Projektchor von Peter und Paul hat unzählige Stunden in das Einüben des Magnificat von John Rutter investiert. Jetzt ist es so weit, die Aufführung des Meisterwerkes kann beginnen. Die Kirche ist übervoll, auch unsere Körbe werden reich beschert. Die Kollekte ist für das Sambaorchester in den Favelas von São Paulo. Ricardo und Leandro freuen sich nicht nur über die vollen Körbe, sondern ebenfalls über das Musikerlebnis, das sie erwartet. Die Spannung steigt, Chor und Publikum halten den Atem an. Die ersten Klänge brechen den Bann. Der Chor tänzelt mit Leichtigkeit durch die vielen Notenblätter, die Stimmen fliessen ineinander, die Solistin setzt klare Konturen. Am Ende tosender Beifall. Alle sind begeistert: das Publikum freut sich über das gelungene Klangerlebnis, die Sängerinnen und Sänger über das gemeinsam Erreichte. Ja, das war eine grossartige Leistung, ein wunderschönes Konzert, und ist gleichzeitig ein bedeutungsvolles Symbol. Denn ein Chor ist ein lang eingeübtes Zusammenfliessen von Stimmen. Alle sind Teil des gemeinsamen Chores. Der spezifische Klang der immer verschiedenen Stimmen fliesst in ein gemeinsames Ganzes zusammen. Die Sängerinnen und Sänger unterstützen sich gegenseitig, leben eine melodische Verbundenheit. Der Chor ist ein Miteinander-Sein der Vielen und Verschiedenen. Ein Chor aus lauter Solisten kann nicht gelingen, es braucht die gegenseitige Wertschätzung der pluralen Gemeinsamkeit. Genau das leben Ricardo und Leandro auch in ihrer Projektarbeit mit den Kindern und Jugendlichen der Favelas von São Paulo. Projektarbeit ist Chor-Arbeit: die vielstimmige Verbindung solidarischer Chöre und Kollektive.

In der Polarität dieser beiden Erfahrungen bewegen wir uns. Auf der einen Seite die Herrschaft der Besitzenden, die Menschen in Hierarchien dividiert, ein ausschliessendes „Wir“ definiert, Gleichheit verweigert, Wert durch Kapital quantifiziert, sich getrennt und losgelöst als „Wir gegen die anderen“ abschottet. Auf der anderen Seite die Demokratie der Teilenden, die Welt und Gesellschaft als lebend und lebendig begreift, ineinander verbunden, voneinander abhängend und miteinander zusammenwirkend die Gleichheit eines globalen „Wir“ buchstabiert und die Verwirklichung einer wohnlichen Welt für alle sucht. Der berühmte Philosoph und Sozialpsychologe Erich Fromm hat diese Polarität mit „Haben oder Sein“ zusammengefasst.
Die beiden Seiten dieser Polarität kann nie ausschliesslich dieser oder jener Person zugeschrieben werden. Es gibt kein schwarz-weiss, entweder-oder. Das Leben hat immer eine „amphibische“ Eigenheit und steht mit einem Fuss im Wasser und mit dem anderen Fuss an Land. Doch sicher geht es darum, das Leben auf diesem kleinen blauen Planeten Erde nicht weiter als Kampf um ein möglichst grosses Stück des einzigen Kuchens zu erkennen, sondern immer stärker zu lernen, unsere Menschheit als grosse Bäckerei zu sehen, die im Zusammenspiel der vielen Hände das Nötige für alle hervorbringen kann.

Beat Wehrle (tuto)